Und plötzlich steht Daniel Brühl vor dir

Kurzgeschichte
2010
TITANIC Ausgabe 7/10

Wenn Daniel Brühl dann vor dir steht, wirst du wahrscheinlich erstmal Herzklopfen haben; deine Hände sind verschwitzt, du bist total durcheinander, deine Zehen sind gekräuselt, und deine Haare stehen zu Berge. Aber sei mal ganz cool auf’m Teppich: das ist ganz normal, boys & girls, wann trifft man schon mal seinen Lieblingssuperstar ganz privat? Was viele nicht wissen: Daniel ist ein extrem lockeres Bürschchen, das die angestaute Situation erstmal mit einem coolen Spruch entschärft: „Hey du musst mal wieder zum Friseur gehen.“ (in Anspielung auf die Berge). Dann lacht ihr gemeinsam, und er wird dich persönlich zu seiner Suite begleiten. Auf dem Weg dahin erzählt er von Tennis & Volleyball, das sind seine geheimen Schwächen. Selbst auf dem Golfplatz ist er schon einmal gesichtet worden! Golf ist eine Ballsportart, die auf eine lange Tradition zurückblickt. Es gilt dabei, einen Ball mit möglichst wenig Schlägen in ein Loch zu spielen, wobei verschiedene Golfschläger zum Einsatz kommen. Eine Golfrunde besteht in der Regel aus 18 Spielbahnen, die nacheinander auf einem Golfplatz absolviert werden. Lange Zeit wurde das in Schottland entwickelte Golf als vorwiegend elitärer und teurer Zeitvertreib angesehen, mittlerweile entwickelte sich daraus jedoch in vielen Ländern ein Volkssport. Die Zahl der Spieler wird weltweit auf 50 Millionen geschätzt. Und schließlich steht ihr vor der Suite. Deine Zähne bibbern, und dein Magen bebt.

Aber natürlich seid ihr zuvor in Daniels Lieblingscafe gewesen, wo er von den neuesten Plänen der Filmproduzenten erzählt: in alle Filme, in denen er nicht mitspielt (also auch in alte Schwarzweißschinken) soll nachträglich noch jemand hineinprojiziert werden, nämlich dein Star Daniel Brühl. Dir rauscht es weiß vor den Augen, deine Ohren springen ab. Daniel bestellt lässig noch eine Runde von seinem Lieblingsgetränk: Milchkaffee mit Schuss. „Das trinke ich immer gerne“, sagt er, „als Halbspanier kommt mir was anderes gar nicht in die Tüte.“ Um irgendwas zu sagen, erzählst du alles, was du über Tüten weißt: es sprudelt nur so, wie ein Wasserfall. „Meine katalanische Mutter ist Lehrerin“, sagt er, beeindruckt von so viel Eloquenz, „der müsstest du das auch mal erzählen, sie würde dir bestimmt eine 1 ins Klassenbuch eintragen.“ Er ist so süß! Er denkt scheinbar wirklich mit. Du nimmst einen weiteren Schluck von seinem Lieblingsgetränk, zu dem er dich eingeladen hat.

In seiner Suite ist die wilde Hölle losgetreten: eine Party folgt auf die nächste. Daniel ist ein echter Partystar, der keine Feier ungesehen verlässt. Auch hier hängt er gleich den Tanzbär raus: er schwingt seine Glieder durch die heiße Luft, dabei stößt er irre Schreie aus, wie ein wild gewordener Derwisch! Und mitten im Tanzen sagt er plötzlich: „Ich muss jetzt baden“, und erklärt die Party für beendet. Daniel ist extrem reinlich, er kann das Gras wachsen hören, wenn es dreckig wächst, und will es sauber haben. Darum wäscht er sich auch oft. Die Gäste verlassen bedröppelt die Bühne des Geschehens, nur du darfst bleiben. Müde rollst du dich in einen Sessel, schläfst und träumst davon, so zu sein wie er. Sauber legt sich Daniel nach dem Waschgang ins Bett. Bevor er die Äuglein zumacht, liest er noch ein wenig in einem Buch, das er sich neulich gekauft hat, über Röhreninstallationen, das ist seine wilde, geheime Leidenschaft.

Der Hahn kräht, die Sonne lacht, Daniel hat Kaffee gemacht. „Immer wenn es mein voller Terminkalender zulässt, bereite ich mir meinen Milchkaffee mit Schuss selber zu. Nur die besten Zutaten kommen in dieses vollendet veredelte Spitzengetränk.“, sagt er mit leuchtend-süßen Augen schelmisch. Es ist 11 Uhr. „Ich muss zum Set!“, kreischt er panisch, greift sich noch schnell eine Zahnpaste, und rauscht los, du hinterher. Was wird wohl alles am Set passieren?

Am Set ist die wilde Hölle losgetreten, der Regisseur schiebt Panik: „Jungs wir müssen die Szene bis halb 2 im Kasten haben, sonst gnade uns Gott!“ Und schon schmeißt sich Daniel in die Rolle rein, die des Adjutanten Karlos.
Karlos: Wer hat meinen Finger mir verwundet?
Eberhard: Karlos, geh doch weiter! Du hältst uns auf!
Karlos: Aber das ist ja nicht wahr! Du weißt, dein Karlos kann Klara sagen: Klara, Klara…
Eberhard: Oh nein! Unser Anführer ist dem Wahnsinne anheimgefallen!!
Eine packende Story, basierend auf einem wahren Fall, nämlich einer historischen Begebenheit: Karlos, ein spanischer Unteroffizier des 16. Jahrhunderts, verliert in einer engen Schlucht seinen Verstand; einen Tag, bevor es zur entscheidenden Schlacht kommen soll. Dadurch kommt es zum totalen Chaos, und die Niederlage ist vorprogrammiert. Es geht um Leidenschaft und Tod, Ernsthaftigkeit und Verdruss. Daniel spielt die Rolle so gut wie alles zuvor. „Ich kann mich reinversetzen“, meint er, „historische Stoffe liegen mir einfach im Blut, und die spanische Infanteriegeschichte ist quasi mein Hobbysteckenpferd!“ Der Regisseur ist begeistert. „Daniel, noch ein Quäntchen mehr Angstschweiß!“, brüllt er behutsam, um seinen sensiblen Star nicht ins Boxhorn zu jagen. Der Trubel wird zum Tohuwabohu. „Um Augenringen vorzubeugen, nehme ich eine spezielle Paste“, wirft Daniel den Reportern an den Kopf. Und schon ist er wieder in der Szene.

Nach dem Set geht’s zum Essen in ein Fünfsternerestaurant hinein. Daniel bestellt Ente bleue mit Kraut und Rüben. „Eine Spezialität des Hauses“, schwärmt er versonnen, „probier du doch auch mal!“ Du probierst, und dir läuft das Wasser im Munde zusammen: so etwas Gutes hast du noch niemals zuvor gespeiset. Du lässt den Restaurantchef kommen, um dich persönlich bei ihm zu bedanken; er soll sein Lob, also dein Lob, dem Küchenpersonal bestellen. Fröhlich geht der gute Mann zurück an seinen Arbeitsplatz und freut sich bis zum Abend, der langsam wird über der Stadt. Daniel gähnt und wünscht allen Anwesenden einen hübschen Schlaf mit guten Träumen, und husch! ist er auch schon mit dem Taxi weggedüst, zurück in die Suite. Ihr spielt noch ein paar Runden Blackjack zusammen (eine Art Kartenspiel, wo der Gewinner in der nächsten Runde aussetzen muss), dann geht es ins Heiabettchen hinein. Daniel schläft ein wie ein Blitz.

Am nächsten Morgen ist Ausschlafen angesagt, dann gibt’s zum Frühstück Bockwurst und Milchkaffee mit Schuss. Zur Nachspeise heißt es Götterspeise. Daniel ist ein echter Götterspeise-Freak! „Wenn ich einen Tag ohne Götterspeise sein muss, fühl ich mich selbst wie eine, aber ohne Götter, und statt p steht ch.“ – „Aber dann muss aus dem normalen s noch ein scharfes s werden“, wirfst du korrigierend ein, und ein vernichtender Blick trifft dich. „Ich schreib ,scheiße’ immer mit normalem s“, kreischt er beleidigt und verschwindet im Badezimmer, um zu kotzen. Er ist so sensibel, dass er keine wirksame Gegenwehr aufbauen kann, und dann kotzt er. Du entschuldigst dich, aber er nimmt es nicht übel, und so ist ihm auch nicht mehr. Daniel ist nicht nachtragend, ganz anders wie Humphrey Bogart, der nie vergessen konnte, als ihm ein Fan mal die Schnürsenkel falsch zusammenband. Nicht so wie Humphrey Bogart zu werden, ist einer der gewichtigsten Vorsätze in Daniels Leben. „Humphrey Bogart war ein Wahnsinniger“, sagt er, während er sich noch einen Milchkaffee mit Schuss zubereitet, „der hat ja total den Verstand verloren.“ Das Fachwissen sprudelt nur so aus ihm heraus, eloquenter wie ein Wasserfall. Bewundernd hörst du zu. Er verschlingt seinen Milchkaffee in Sekundenbruchteilen und schmökert danach im Fernsehprogramm. Am Abend kommt eine Wiederholung von „Wetten dass…?“, die will er sich reinziehen. Daniel liebt „Wetten dass…?“, da fiebert er mit wie ein Waldkäuzchen. Er ist ein richtiger Fan, hat eine eigene Fahne, auf der der Name des Moderators Gottschalk steht, und die schwenkt er dann regelmäßig vor dem Fernseher. „Ich bin ein regelrechter Fanatiker“, gesteht er, „ich weiß sämtliche Wettkandidaten und Wetten der letzten zehn Jahre auswendig. Schade, dass das bisher in keinem meiner Filme thematisiert wurde.“, fügt er nachdenklich hinzu. Das Telefon klingelt, es ist seine Tante Eusebia. Sie gratuliert ihm zum Geburtstag und legt dann auf. „Tante Eusebia verwechselt immer meinen Geburtstag mit dem ihrer Tante“, schmunzelt Daniel und kippt sich noch einen Milchkaffee hinter die Binde. Er verträgt echt viel, ein richtiger Säufer, denkst du dir. Das behältst du aber für dich, damit er nicht wieder durchdreht. Und da stakst auch schon Thomas Gottschalk über den Bildschirm. Daniels Fahne wirbelt herum. Der erste Kandidat will Buntstifte am Geschmack erkennen. „Das ist ein Titanic-Redakteur“, weiß Daniel gleich. Der zweite will Bundeskanzlerin Merkel am Knurren ihres Magens, das man bei der letzten Ansprache gehört hat, erkennen. Daniel ist begeistert. „Das war noch nie da!“, kreischt er. Der Kandidat verliert die Wette. Daniel ist sauer. „Warum kommt der überhaupt in die Show“, meint er zerknirscht und greift zum Milchkaffee. Der Regen donnert an die Windschutzscheiben der vorm Hotel geparkten Autos. Als nächstes sind zwei Kinder dran. Sie lecken an Bierkästen herum, die auf einem Geldberg stehen; warum, wird nicht plausibel erklärt. „Langweilig“, schreit Daniel und buht die Kinder aus, die die Wette ebenfalls verlieren. Dann kommt die Außenwette, dann die Saalwette, die Gottschalk gewinnt. Daniel ist komplett aus dem Häuschen und schwenkt die Fahne wie wild. Dann tanzt er im Zimmer rum, er will feiern. Er greift zum Hörer und lässt sich Nutten kommen. „Als David Bowie und Iggy Pop in Berlin waren…“, holt er aus zu einer Anekdote, aber da klingelt es an der Tür, und die Nutten stehen davor. Sie haben Koks dabei, und überhaupt wird es jetzt richtig wild. Weißes Kokain flirrt in Kaskaden, aber das ist ihm noch nicht genug, und ihr zieht los. Die Welt der Flatrate-Bordelle ist Daniel nicht unbekannt: hier kann man endlich einmal ohne Zeitdruck ficken. Daniel ist ein echter Bewunderer dieser Idee. „Das hat sich ein Genie ausgedacht“, sagt er immer wieder. An der Bordell-Bar bestellt er sich sein Lieblingsgetränk. Man kennt ihn hier, und seine Spleens machen ihn für die Belegschaft sympathisch. „Der Daniel ist ein wahrer Wonneproppen“, schmunzelt der Bordellchef, „den haben wir hier immer gern zu Gast.“ Anastasia schäkert bereits wild herum. Und, ihr Gebet wird erhört: Daniel nimmt sie gleich an Ort und Stelle. Er ist ein ausdauernder Liebhaber, dem es um den ganz speziellen erotischen Genuss geht. Sein erigierter Schwanz dringt immer wieder in ihr Poloch ein, und ihre großen Brüste schlackern im Takt mit. Dann macht sich Birte an dich ran. Dir wird abwechselnd heiß und kalt, als du ihren Atem an deinem Ohr spürst. Ihre dichten Schamhaare vernebeln deine Wahrnehmung komplett. „Komm, zeig’s mir, mein Hengst“, flüstert sie dir zu. Ein Mordsgeficke steht jetzt an, und ihr beide mittendrin. Das wilde Leben der Stars! Endlich erlebst du es aus erster Hand, oder: aus allererster triefender Möse.

Als Daniel am nächsten Morgen erwacht, kann er sich an nix mehr erinnern. Ein Stringtanga hängt verloren an der Türklinke, als wäre er dort gewissenhaft platziert worden. „Merkwürdig“, denkt er und steht auf. Der Regen prasselt immer noch an die Windschutzscheiben der Autos unten. Als er in der Küche sitzt, fällt sein Blick auf einen mysteriösen Zettel am Kühlschrank, dort steht: „Danke für alles. Dein größter Fan.“

(Anmerkung: Im Heft erschien eine leicht gekürzte Fassung.)